Gehirnnerven

Der 2. Hirnnerv - Nervus opticus

Der Nervus opticus (II. Hirnnerv, Sehnerv) leitet die Sehinformation von der Netzhaut durch den Canalis opticus zum Chiasma opticum. Dort kreuzen die Fasern der nasalen Netzhauthälften, sodass jede Hirnhälfte das gegenüberliegende Gesichtsfeld verarbeitet.

Zuletzt aktualisiert am 2. Oktober 2026

Steckbrief: Nervus opticus

Nummer
II. Hirnnerv (2. Hirnnerv)
Deutscher Name
Sehnerv
Faserqualität
sensorisch (speziell somatoafferent)
Ursprung
Ganglienzellen der Netzhaut; entwicklungsgeschichtlich Teil des Zwischenhirns
Durchtritt Schädelbasis
Canalis opticus (gemeinsam mit der A. ophthalmica)
Funktion
Sehen, afferenter Schenkel des Pupillenreflexes
Ausfallzeichen
Sehverlust, Gesichtsfeldausfälle, gestörte Pupillenreaktion
Klinische Prüfung
Visus, Fingerperimetrie, Pupillenreaktion, Augenspiegelung

Verlauf und Funktion

Der zweite Hirnnerv - Nervus opticus - zieht vom Bulbus oculi durch den Canalis opticus. In der Schädelgrube überkreuzen sich die beiden Nerven im Chiasma opticum. Der Nerv ist mit dem Diencephalon verbunden und leitet die Sehinformationen zum Gehirn.

Überkreuzung des Nervus opticus im Chiasma opticum

Das rechte Bild wird in der linken Hirnhälfte verarbeitet und umgekehrt. Im Detail werden die Bildinformationen von der lateralen Netzhaut nicht verkreuzt und die Informationen von den medialen Netzhautteilen werden überkreuzt.

Beispiel: Das linke Bild wird im linken Auge von der medialen Netzhauthälfte empfangen und vom rechten Auge durch den lateralen Anteil der Netzhaut registriert. Die Bildinformationen vom linken Auge (mediale Netzhaut) werden überkreuzt und gelangen zusammen mit den Infos aus dem rechten Auge (laterale Netzhaut) auf die rechte Seite.

Sehbahn mit Chiasma opticum
Die Fasern der nasalen Netzhauthälften kreuzen im Chiasma opticum; jede Hirnhälfte verarbeitet das gegenseitige Gesichtsfeld. Markiert sind drei typische Läsionsorte.

Aufbau: ein Hirnnerv, der eigentlich zum Gehirn gehört

Der Sehnerv besteht aus den Axonen der retinalen Ganglienzellen, rund eine Million Fasern pro Auge. Weil die Netzhaut entwicklungsgeschichtlich eine Ausstülpung des Zwischenhirns ist, gilt der N. opticus streng genommen als Hirnbahn: Er ist von allen drei Hirnhäuten umhüllt, wird von Oligodendrozyten myelinisiert und regeneriert nach einer Durchtrennung nicht.

Man unterscheidet vier Abschnitte: einen kurzen Teil im Augapfel, einen geschlängelten Teil in der Augenhöhle, den Abschnitt im Canalis opticus und den intrakraniellen Teil bis zum Chiasma. Gemeinsam mit dem Nerv zieht die A. ophthalmica durch den Kanal; ihr Ast, die A. centralis retinae, verläuft im Inneren des Sehnervs zur Netzhaut.

Die Sehbahn im Überblick

Hinter dem Chiasma setzen sich die Fasern als Tractus opticus fort und erreichen das Corpus geniculatum laterale des Thalamus. Von dort zieht die Sehstrahlung (Radiatio optica) zur primären Sehrinde, der Area striata im Okzipitallappen. Ein kleiner Teil der Fasern zweigt zur Area praetectalis ab und bildet den afferenten Schenkel des Pupillenreflexes; der efferente Schenkel läuft über den N. oculomotorius.

Klinik: Wo liegt die Läsion?

Aus dem Muster des Gesichtsfeldausfalls lässt sich der Ort einer Schädigung ableiten. Eine Läsion des Sehnervs vor dem Chiasma führt zur Blindheit des betroffenen Auges (Amaurose). Drückt ein Hypophysenadenom von unten auf das Chiasma, werden die kreuzenden nasalen Fasern geschädigt, und es entsteht eine bitemporale Hemianopsie, der sogenannte Scheuklappenblick. Hinter dem Chiasma, etwa am Tractus opticus oder in der Sehstrahlung, kommt es zu einer homonymen Hemianopsie zur Gegenseite.

Weitere wichtige Krankheitsbilder sind die Optikusneuritis, die häufig ein Frühsymptom der Multiplen Sklerose ist, das Glaukom mit Untergang von Nervenfasern am Sehnervenkopf sowie die Stauungspapille bei erhöhtem Hirndruck, die sich mit dem Augenspiegel erkennen lässt.

Untersuchung des Sehnervs

Zur orientierenden Prüfung gehören die Sehschärfe (Visus) mit einer Sehtafel, das Gesichtsfeld mit der Fingerperimetrie und die direkte und indirekte Lichtreaktion der Pupillen. Beim Swinging-Flashlight-Test wird abwechselnd in beide Augen geleuchtet: Erweitert sich die Pupille, sobald das Licht das kranke Auge trifft, liegt ein relativer afferenter Pupillendefekt vor. Die Fundoskopie zeigt den Sehnervenkopf (Papille) direkt.

Lage an der Hirnbasis

Lage des Nervus opticus an der Hirnbasis
Schematische Ansicht des Gehirns von unten mit Austrittsstellen der Hirnnerven I bis XII, hervorgehoben: Nervus opticus (II).

Häufige Fragen

Wo kreuzen sich die Sehnerven?

Im Chiasma opticum oberhalb der Hypophyse. Dort kreuzen nur die Fasern der nasalen (medialen) Netzhauthälften, die Fasern der temporalen Hälften bleiben auf derselben Seite.

Was passiert bei einer Schädigung des Chiasma opticum?

Typisch ist eine bitemporale Hemianopsie: Die äußeren Gesichtsfeldhälften beider Augen fallen aus. Häufigste Ursache ist ein Hypophysenadenom.

Ist der Sehnerv ein echter peripherer Nerv?

Nein. Der N. opticus ist entwicklungsgeschichtlich eine Ausstülpung des Zwischenhirns, von Hirnhäuten umhüllt und von Oligodendrozyten myelinisiert. Er gilt daher als Teil des Zentralnervensystems.

Weiterführend: Nervus opticus in der Wikipedia. Standardwerke: Trepel, Neuroanatomie; Schünke et al., Prometheus LernAtlas der Anatomie, Kopf, Hals und Neuroanatomie.