Der 2. Hirnnerv - Nervus opticus
Der Nervus opticus (II. Hirnnerv, Sehnerv) leitet die Sehinformation von der Netzhaut durch den Canalis opticus zum Chiasma opticum. Dort kreuzen die Fasern der nasalen Netzhauthälften, sodass jede Hirnhälfte das gegenüberliegende Gesichtsfeld verarbeitet.
Steckbrief: Nervus opticus
- Nummer
- II. Hirnnerv (2. Hirnnerv)
- Deutscher Name
- Sehnerv
- Faserqualität
- sensorisch (speziell somatoafferent)
- Ursprung
- Ganglienzellen der Netzhaut; entwicklungsgeschichtlich Teil des Zwischenhirns
- Durchtritt Schädelbasis
- Canalis opticus (gemeinsam mit der A. ophthalmica)
- Funktion
- Sehen, afferenter Schenkel des Pupillenreflexes
- Ausfallzeichen
- Sehverlust, Gesichtsfeldausfälle, gestörte Pupillenreaktion
- Klinische Prüfung
- Visus, Fingerperimetrie, Pupillenreaktion, Augenspiegelung
Verlauf und Funktion
Der zweite Hirnnerv - Nervus opticus - zieht vom Bulbus oculi durch den Canalis opticus. In der Schädelgrube überkreuzen sich die beiden Nerven im Chiasma opticum. Der Nerv ist mit dem Diencephalon verbunden und leitet die Sehinformationen zum Gehirn.
Überkreuzung des Nervus opticus im Chiasma opticum
Das rechte Bild wird in der linken Hirnhälfte verarbeitet und umgekehrt. Im Detail werden die Bildinformationen von der lateralen Netzhaut nicht verkreuzt und die Informationen von den medialen Netzhautteilen werden überkreuzt.
Beispiel: Das linke Bild wird im linken Auge von der medialen Netzhauthälfte empfangen und vom rechten Auge durch den lateralen Anteil der Netzhaut registriert. Die Bildinformationen vom linken Auge (mediale Netzhaut) werden überkreuzt und gelangen zusammen mit den Infos aus dem rechten Auge (laterale Netzhaut) auf die rechte Seite.
Aufbau: ein Hirnnerv, der eigentlich zum Gehirn gehört
Der Sehnerv besteht aus den Axonen der retinalen Ganglienzellen, rund eine Million Fasern pro Auge. Weil die Netzhaut entwicklungsgeschichtlich eine Ausstülpung des Zwischenhirns ist, gilt der N. opticus streng genommen als Hirnbahn: Er ist von allen drei Hirnhäuten umhüllt, wird von Oligodendrozyten myelinisiert und regeneriert nach einer Durchtrennung nicht.
Man unterscheidet vier Abschnitte: einen kurzen Teil im Augapfel, einen geschlängelten Teil in der Augenhöhle, den Abschnitt im Canalis opticus und den intrakraniellen Teil bis zum Chiasma. Gemeinsam mit dem Nerv zieht die A. ophthalmica durch den Kanal; ihr Ast, die A. centralis retinae, verläuft im Inneren des Sehnervs zur Netzhaut.
Die Sehbahn im Überblick
Hinter dem Chiasma setzen sich die Fasern als Tractus opticus fort und erreichen das Corpus geniculatum laterale des Thalamus. Von dort zieht die Sehstrahlung (Radiatio optica) zur primären Sehrinde, der Area striata im Okzipitallappen. Ein kleiner Teil der Fasern zweigt zur Area praetectalis ab und bildet den afferenten Schenkel des Pupillenreflexes; der efferente Schenkel läuft über den N. oculomotorius.
Klinik: Wo liegt die Läsion?
Aus dem Muster des Gesichtsfeldausfalls lässt sich der Ort einer Schädigung ableiten. Eine Läsion des Sehnervs vor dem Chiasma führt zur Blindheit des betroffenen Auges (Amaurose). Drückt ein Hypophysenadenom von unten auf das Chiasma, werden die kreuzenden nasalen Fasern geschädigt, und es entsteht eine bitemporale Hemianopsie, der sogenannte Scheuklappenblick. Hinter dem Chiasma, etwa am Tractus opticus oder in der Sehstrahlung, kommt es zu einer homonymen Hemianopsie zur Gegenseite.
Weitere wichtige Krankheitsbilder sind die Optikusneuritis, die häufig ein Frühsymptom der Multiplen Sklerose ist, das Glaukom mit Untergang von Nervenfasern am Sehnervenkopf sowie die Stauungspapille bei erhöhtem Hirndruck, die sich mit dem Augenspiegel erkennen lässt.
Untersuchung des Sehnervs
Zur orientierenden Prüfung gehören die Sehschärfe (Visus) mit einer Sehtafel, das Gesichtsfeld mit der Fingerperimetrie und die direkte und indirekte Lichtreaktion der Pupillen. Beim Swinging-Flashlight-Test wird abwechselnd in beide Augen geleuchtet: Erweitert sich die Pupille, sobald das Licht das kranke Auge trifft, liegt ein relativer afferenter Pupillendefekt vor. Die Fundoskopie zeigt den Sehnervenkopf (Papille) direkt.
Lage an der Hirnbasis
Häufige Fragen
Wo kreuzen sich die Sehnerven?
Im Chiasma opticum oberhalb der Hypophyse. Dort kreuzen nur die Fasern der nasalen (medialen) Netzhauthälften, die Fasern der temporalen Hälften bleiben auf derselben Seite.
Was passiert bei einer Schädigung des Chiasma opticum?
Typisch ist eine bitemporale Hemianopsie: Die äußeren Gesichtsfeldhälften beider Augen fallen aus. Häufigste Ursache ist ein Hypophysenadenom.
Ist der Sehnerv ein echter peripherer Nerv?
Nein. Der N. opticus ist entwicklungsgeschichtlich eine Ausstülpung des Zwischenhirns, von Hirnhäuten umhüllt und von Oligodendrozyten myelinisiert. Er gilt daher als Teil des Zentralnervensystems.
Weiterführend: Nervus opticus in der Wikipedia. Standardwerke: Trepel, Neuroanatomie; Schünke et al., Prometheus LernAtlas der Anatomie, Kopf, Hals und Neuroanatomie.