Gehirnnerven

Der 1. Hirnnerv - Nervus olfactorius

Der Nervus olfactorius (I. Hirnnerv, Riechnerv) leitet Geruchsinformationen von der Riechschleimhaut im Dach der Nasenhöhle durch die Lamina cribrosa des Siebbeins zum Bulbus olfactorius. Er ist rein sensorisch und gilt als kürzester Hirnnerv.

Zuletzt aktualisiert am 2. Oktober 2026

Steckbrief: Nervus olfactorius

Nummer
I. Hirnnerv (1. Hirnnerv)
Deutscher Name
Riechnerv
Faserqualität
sensorisch (speziell viszeroafferent)
Ursprung
Riechsinneszellen der Regio olfactoria; Ziel: Bulbus olfactorius (Endhirn)
Durchtritt Schädelbasis
Lamina cribrosa des Os ethmoidale
Funktion
Geruchswahrnehmung, Aromaanteil des Geschmacks
Ausfallzeichen
Anosmie oder Hyposmie, nach Trauma ggf. Rhinoliquorrhö
Klinische Prüfung
Riechprobe getrennt für jedes Nasenloch

Verlauf und Funktion

Der Nervus olfactorius verläuft vom Telencephalon als Tractus olfactorius zur Erweiterung, dem Bulbus olfactorius. Von dort aus ziehen zirka 20 Fila olfactoria durch die Lamina cribrosa ossis ethmoidalis. Sie enden in der oberen Nasenmuschel (Meatus nasi superior) und leiten Geruchsinformationen weiter.

Bei einem Schädelhirntrauma kann es leicht zu einem Bruch der Lamina cribrosa kommen. Mögliche Auswirkungen können das Ausfallen der Riechwahrnehmung (Ansomie) und der Austritt von Liquor sein.

Nervus olfactorius: Fila olfactoria, Lamina cribrosa und Bulbus olfactorius
Seitlicher Schnitt durch die Nasenhöhle: Die Fila olfactoria ziehen von der Riechschleimhaut durch die Lamina cribrosa zum Bulbus olfactorius.

Aufbau: Riechzellen, Fila olfactoria und Bulbus

Genau genommen besteht der Nervus olfactorius aus den marklosen Axonen der Riechsinneszellen in der Regio olfactoria. Diese Zellen sind primäre Sinneszellen: Sie nehmen den Duftreiz selbst auf und leiten ihn ohne zwischengeschaltete Synapse weiter. Ihre Axone bündeln sich zu den Fila olfactoria, die gemeinsam den eigentlichen Hirnnerv bilden.

Im Bulbus olfactorius werden die Signale in kugelförmigen Glomeruli auf Mitral- und Büschelzellen umgeschaltet, deren Axone den Tractus olfactorius bilden. Bulbus und Tractus gehören entwicklungsgeschichtlich zum Endhirn und sind damit streng genommen Teil des Zentralnervensystems. Eine weitere Besonderheit: Riechsinneszellen gehören zu den wenigen Nervenzellen, die sich ein Leben lang aus Basalzellen der Riechschleimhaut erneuern.

Riechbahn: Weg der Geruchsinformation

Vom Tractus olfactorius ziehen die Fasern über die Stria olfactoria lateralis zum primären olfaktorischen Kortex, unter anderem zum Cortex praepiriformis und zur periamygdalären Region im Bereich des Uncus. Anders als alle anderen Sinnesbahnen erreicht die Riechbahn die Großhirnrinde, ohne zuvor im Thalamus umgeschaltet zu werden.

Über Verbindungen zur Amygdala, zum Hippocampus und zum Hypothalamus ist der Geruchssinn eng mit Emotionen, Erinnerungen und vegetativen Reaktionen wie Speichelfluss oder Übelkeit verknüpft. Das erklärt, warum ein bestimmter Duft schlagartig alte Erinnerungen wecken kann.

Klinik: Anosmie, Hyposmie und Liquorrhö

Fällt der Geruchssinn vollständig aus, spricht man von Anosmie, bei einer Abschwächung von Hyposmie. Häufige Ursachen sind Virusinfekte der oberen Atemwege (etwa COVID-19), eine chronische Rhinosinusitis, Schädel-Hirn-Traumata mit Abriss der Fila olfactoria sowie neurodegenerative Erkrankungen. Bei Morbus Parkinson und der Alzheimer-Demenz kann eine Riechstörung schon Jahre vor den typischen Symptomen auftreten.

Tropft nach einem Sturz auf den Kopf klare Flüssigkeit aus der Nase (Rhinoliquorrhö), ist das ein Warnzeichen für eine Fraktur der vorderen Schädelbasis. Durch die offene Verbindung zum Liquorraum droht eine aufsteigende Infektion bis hin zur Meningitis. Auch Meningeome der Olfaktoriusrinne können durch Druck auf den Bulbus eine langsam zunehmende, einseitige Anosmie verursachen.

Viele Betroffene klagen bei einer Riechstörung zunächst über einen veränderten Geschmack. Grund ist, dass das Aroma von Speisen überwiegend retronasal über den Geruchssinn wahrgenommen wird; die Zunge selbst unterscheidet nur süß, sauer, salzig, bitter und umami.

Untersuchung des Riechnervs

Geprüft wird jedes Nasenloch einzeln mit aromatischen Duftstoffen wie Kaffee, Zimt oder Vanille, während das andere Nasenloch zugehalten wird. Stechende Substanzen wie Ammoniak oder Essig eignen sich nicht, weil sie zusätzlich Fasern des N. trigeminus reizen und deshalb auch bei einer Anosmie wahrgenommen werden. Für standardisierte Tests in der HNO-Heilkunde werden Riechstifte (Sniffin’ Sticks) verwendet.

Lage an der Hirnbasis

Lage des Nervus olfactorius an der Hirnbasis
Schematische Ansicht des Gehirns von unten mit Austrittsstellen der Hirnnerven I bis XII, hervorgehoben: Nervus olfactorius (I).

Häufige Fragen

Was macht der Nervus olfactorius?

Der Nervus olfactorius ist der Riechnerv. Er leitet Geruchsreize von der Riechschleimhaut im Dach der Nasenhöhle zum Bulbus olfactorius und ist rein sensorisch.

Wo tritt der 1. Hirnnerv durch die Schädelbasis?

Die rund 20 Fila olfactoria ziehen durch die kleinen Löcher der Lamina cribrosa des Siebbeins (Os ethmoidale) in die vordere Schädelgrube.

Was ist eine Anosmie?

Anosmie bezeichnet den vollständigen Verlust des Geruchssinns. Ursachen sind unter anderem Virusinfekte, Schädel-Hirn-Traumata mit Fraktur der Lamina cribrosa und neurodegenerative Erkrankungen.

Weiterführend: Nervus olfactorius in der Wikipedia. Standardwerke: Trepel, Neuroanatomie; Schünke et al., Prometheus LernAtlas der Anatomie, Kopf, Hals und Neuroanatomie.